Mit diesem Eintrag eröffne ich eine neuen Kategorie in diesem Blog – 4ntworten. Es handelt sich hierbei um 4 Antworten von inspirierenden Persönlichkeiten auf Fragen mit denen ich hoffe euch noch mehr Inspiration zum Leben und Handeln im Einklang mit Gott und Menschen zugänglich zu machen.
Den Anfang macht Walter Faerber, der als Pfarrer einer evangelischen Landeskirchengemeinde ein inspirierendes Kapitel zu geistlichen Kernen in evangelischen Volkskirchen zu unserem Buch beigetragen hat. Wenden wir uns nun direkt den Fragen und vor allem seinen Antworten zu:
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Daniel Ehniss: Du schreibst in deinem Kapitel über die Chancen geistlicher Kerne innerhalb evangelischer Volkskirchen. Da du selbst Pfarrer einer evangelischen Kirche bist interessiert mich zunächst der Weg der dich zu diesen Gedanken geführt hat:
Walter Faerber: Mir fiel es wie Schuppen von den Augen, als ich die Missionsgeschichte unserer Gegend studierte: Karl der Große hat ja den Sachsen das Christentum blutig aufgezwungen. Und dann wurde (so sagt es das einschlägige Standardwerk) das Netz der fränkischen Kirchenverwaltung über die unterworfenen Gebiete gelegt. Die Religion der Sieger liebt man aber nicht. Die Pfarrer waren Aufseher über ihre Gemeinden, und die wurden wiederum beaufsichtigt, ob sie nicht vielleicht auch noch halbe Heiden waren.
Aber irgendwann merkte man, dass das nicht reichte. Um die Menschen auch innerlich zu gewinnen, gründete man deshalb Klöster und geistig-geistliche Zentren. Die haben viel Gutes bewirkt. Aber der Schaden des Anfangs war geschehen: die falsche Reihenfolge.
Als ich das las, dachte ich: so funktioniert es bis heute. Eine große Zahl von Menschen, die (mehr oder weniger erfolgreich) geistlich versorgt werden von kleineren oder größeren Zentren. Das kleinste dieser Zentren ist das Pfarrhaus. Diese Dualität von Zentrum und mehr oder weniger skeptischen Sympathisanten passte zu meinen Erfahrungen. Aus dieser Dualität sind wir bis heute noch nicht rausgekommen. Das muss man realistisch zugeben.
Und dann wurde mir klar: wir müssen diesen Anfangsschaden heilen, auch wenn er über 1000 Jahre alt ist. Diese Strategie der geistlichen Zentren ist ja keine schlechte Strategie, aber sie muss dienend geschehen und nicht nach Gutsherrenart. Dann ist sie der Situation angemessen. Auch wenn es traurig ist, dass wir nach über 1000 Jahren Christentum noch nicht weiter sind.
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Daniel: In einem Kommentar zu deinem Kapitel las ich von dem Spannungsfeld in dem sich die Familie des Pfarrers befindet. Inwiefern ist deine Familie in eurem Kern dabei und wie erlebst du dieses Spannungsfeld?
Walter: Meine Frau ist in unserem “Kern” dabei, und meine Kinder waren, bevor sie ins Studium gegangen sind, streckenweise dabei. Ich habe aber immer darauf geachtet, dass es ihre eigene Entscheidung war und sie nicht dienstverpflichtet wurden.
Denn Pfarrfamilien werden ja sowieso schnell, ob sie wollen oder nicht, für den Beruf des Familienvorstandes in Haftung genommen – bis hin zu Lehrern, die ihr gestörtes Verhältnis zur Kirche an Pastorenkindern abreagieren. Oder die Frau des Pfarrers bekommt das zu hören, was man sich nicht traut, ihm selbst zu sagen. Vor allem aber hat die Familie um so weniger vom Vater/Mann, je intensiver er sich in der Gemeinde engagiert. Es kann sein, dass da echt tolle Sachen laufen – aber die Familie freut sich nicht mit, weil sie fürchtet, dass an ihr Belastungen hängenbleiben, die draußen keiner sieht. Und die Familie kann das alles noch weniger steuern als der Pastor selbst.
Wir hatten auch eine Zeit, als unsere Kinder noch klein waren und dann auch noch in der Gemeinde ganz blöde Konflikte liefen, das hat uns ziemlich an den Rand unserer Kräfte gebracht. Man erlebt dann trotzdem, dass man es schafft, man lernt enorm, aber in der Situation selbst ist das nicht lustig.
Wenn die Familie dann den Eindruck bekommt, sie soll nun zusätzlich auch noch selbstverständlich als geistlicher Kern dienen, dann wird sie sich möglicherweise nicht darüber freuen. Früher ging das vielleicht, dass Menschen sich einfach in die von der gesellschaftlichen Stellung vorgegebene Lebensweise einfügten. Heute funktioniert das so nicht mehr.
Auf der anderen Seite kann man in einem Pfarrhaus natürlich immer noch viele Dinge lernen, die man anderswo kaum mitbekommt: z.B. Einblicke in sehr unterschiedliche Lebenswelten, oder auch eine bestimmte Art, über Menschen nachzudenken. Wir haben z.B. sechs Jahre lang mit einer kurdischen Familie unter einem Dach gewohnt, die bei uns im Kirchenasyl war, und haben in Höhen und Tiefen unseren Alltag geteilt. Das war manchmal ziemlich anstrengend, aber auch eine Erfahrung, die nur wenige machen können. Unsere beiden Kinder haben sich später Studienfächer gewählt, in denen es um andere Kulturen geht.
Also, ich denke, dass ein Pfarrhaus immer noch ein privilegierter Ort ist, an dem man ein sehr interessantes Leben führen kann. Und als Ehepaar hat man die Chance, sehr intensiv zusammenzuwachsen und vieles gemeinsam zu durchdenken. Aber ich kann nicht voraussetzen, dass andere das genauso sehen, denn die Belastungen und der Zeitdruck sind auch stark. Und was wir im Moment durch die laufenden Stellenkürzungen in den Landeskirchen erleben, das wird die Situation mit Sicherheit noch einmal massiv verschlechtern. Da bleibt für Abenteuer wahrscheinlich kein Raum mehr.
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Daniel: Wie präsent ist eure Kerngruppe im normalen Leben der Kirchengemeinde und welche Reaktionen von Seiten anderer Gemeindeglieder habt ihr bisher darauf bekommen?
Walter: Die Mitglieder unserer Gruppe arbeiten in fast allen Bereichen der Gemeinde an wichtigen Punkten mit; außerdem manchmal auch Familienangehörige, die nicht zur Gruppe gehören. Uns ist überhaupt im Lauf der Zeit ein Umfeld von Leuten zugewachsen, die man bei konkreten Aufgaben ansprechen kann, auch wenn sie (noch) nicht zur Gruppe gehören. Wir laufen aber nicht rum mit einem Schild “Wir sind der Kern!!”, sondern sehen eben zu, dass wir tatsächlich beitragen.
Eine der wirkungsvollsten Auswirkungen der Gruppe ist übrigens ziemlich unsichtbar: ich als vollzeitlicher Mitarbeiter werde durch meine Verankerung im Kern wesentlich wirksamer in meiner Arbeit. Ich kann mich inhaltlich weiter aus dem Fenster lehnen, weil ich deutlicher erlebe, dass das Evangelium etwas bewirkt. Ich weiß, wovon ich rede, wenn ich z.B. predige; ohne den Hintergrund der Gruppe wäre das deutlich weniger erfahrungsgesättigt. Das gilt natürlich auch für die anderen aus der Gruppe, die in der Gemeinde mitarbeiten.
Es gibt also eine Art von geistlichem Energiefluss, der von der Gemeinschaft durch viele Kanäle in die Gemeinde fließt. Weil wir aber nach außen eher zurückhaltend auftreten, freuen sich Leute über das Ergebnis, ohne immer zu wissen, aus welchen Quellen das fließt. Das ist sowieso ein Kennzeichen der Volkskirche: die Mitglieder freuen sich, wenn da anscheinend was Gutes läuft; wie es dazu kommt, das interessiert sie gar nicht so sehr.
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Daniel: Am Ende deines Kapitels sprichst du über geistliche Kerne die sich aus dem Zusammenschluss von existierende Gruppen und der Ortsgemeinde ergeben. Worin siehst du hierbei die Chancen und was sind deiner Meinung nach die Herausforderungen?
Walter: Wenn sich eine schon bestehende geistliche Gemeinschaft und eine landeskirchliche Ortsgemeinde zusammenschließen, können sie dadurch beide enorm gewinnen: die Gemeinde gewinnt geistliche Stärke und größere Sicherheit, wenn ihr geistliches Zentrum auf diese Weise viel stärker wird – wie das konkret aussehen kann, habe ich in der vorigen Frage am Beispiel unserer Gemeinde geschildert. Die Gemeinschaft wiederum kommt leichter in breite Verbindung mit der Normalbevölkerung und muss sich solche Kontakte nicht erst mühsam erarbeiten. So verliert sie nicht so schnell die Bodenhaftung.
Große Chancen gehen meist aber auch mit Risiken einher. Wenn die beiden Partner es nicht schaffen, in einem vertrauensvollen Aufeinanderzugehen ihre unterschiedlichen Organisationskulturen in einen fairen Dialog zu bringen, wird die Zusammenarbeit wahrscheinlich nicht funktionieren. Freie Gruppen/Gemeinden und volkskirchliche Ortsgemeinden sind so unterschiedlich, dass es viele Gelegenheiten gibt, sich mit Arroganz oder Misstrauen zu begegnen. Sekten- und Liberalismusverdacht sind beide schnell zur Hand. Man muss schon entschlossen sein, am Anderen auch auf schwierigen Wegstrecken festzuhalten.
Wir haben ja unseren Kern hier selbst entwickelt und diese Frage der Organisationskulturen sozusagen im Innenbereich durchgestanden, nicht ohne misstrauisch beobachtet zu werden von einer Minderheit in der Kerngemeinde, aber auch von kirchenleitenden Instanzen. Da hat es durchaus auch harte Entscheidungen gegeben. Aber das ist zum Glück jetzt schon lange her.
Ich möchte die Frage aber auch generell in den Blick nehmen: die Christenheit in unserem Land ist doch auch deshalb so schwach, weil die geistlich entschiedenen Kerne (ein bewusst schwammiger Begriff – ich rechne dazu Gemeinschaften, Freikirchen, aber auch alle möglichen Gruppierungen in den Volkskirchen und viele andere) und die gestreute christliche Substanz in der breiten Bevölkerung nicht zueinander finden. Beiden fehlt der jeweils andere. Beide würden enorm gewinnen, wenn sie zueinander fänden. Und am meisten würde das Evangelium gewinnen.
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Vielen Dank an Walter, der sich die Zeit genommen hat 4 Antworten auf meine Fragen zu formulieren und uns damit noch tiefere Einblicke in die Chancen geistlicher Kerne ermöglicht.
Ich empfehle euch regelmäßige Lektüre von Walters Blog und auch @walterfaerber auf Twitter zu folgen.