Von den Beziehungen her zu denken fühlt sich an, als ob wir die Welt auf den Kopf stellen würden.
Mit einer Schneekugel ist es einfach, die Welt auf den Kopf zu stellen. Ich nehme sie in die Hand, hebe sie leicht von der Tischplatte an und drehe sie um. Die Schneeflocken fallen langsam nach oben und sammeln sich am Himmel. Wenn sich der ganze Schnee am Himmel gesammelt hat, stelle ich die Schneekugel vorsichtig auf den Tisch zurück und sehe dem Schnee dabei zu, wie er leise vor einer idyllischen Landschaft zu Boden rieselt.
Wir leben in einer Welt, die auf dem Kopf steht
Hier stehen wir nun, bis zu den Knien im Schnee. Der Schnee liegt allerdings nicht auf dem Boden. Nein, wir stehen in der Himmelswölbung. Der Schnee hat sich hier angesammelt. Derjenige, der unsere Schneekugel in Händen hält, hat wohl vergessen sie wieder auf den Tisch zu stellen.
Wir sind es gewohnt, von den Menschen, Personen oder Dingen her zu denken und Beziehungen als etwas Sekundäres zu verstehen. Auch wenn wir es oft nicht bewusst tun, so gehen wir in vielen unserer Handlungen von einer Personendefinition aus, die auf den Gedanken von Boëthius beruht. Für ihn lag das Besondere der Person vor allem in ihrer Unabhängigkeit und ihrer Rationalität.
Das Ideal eines solchen Personenbildes ist das autonome Selbst. Es gründet seine Handlungen auf unabhängige rationale Entscheidungen. Die ideale Person wird als unabhängiges Individuum verstanden. Sie kommt alleine auf ihre guten Ideen und setzt diese ohne Hilfe anderer um. Sie weiß wer sie ist und kennt ihre Stärken. Diese setzt sie sehr bewusst ein und erreicht ihre selbstgesteckten Ziele. Natürlich wird Teamfähigkeit immer wieder als wichtig bezeichnet, sie erscheint jedoch nur dann sinnvoll, wenn jede und jeder sich selbst genau kennt und auch alleine zurecht käme. Die Beziehung, das Team oder der Austausch stehen an zweiter Stelle. Und unbewusst erscheint uns derjenige, der auf Hilfe angewiesen ist, immer als schwächer.
In der Himmelswölbung stehend, nehmen wir die Person, ihre Identität und somit das Subjekt als zentral wahr. Beziehungen gelten uns als sekundär und bilden eine nette Ergänzung. Die Schneekugel wird jedoch immer kippen, wenn wir versuchen, sie auf den Himmel zu stellen. Wir müssen sie dringend umdrehen, zurück auf den Boden.
Beziehungen wieder entdecken
Einige Denkerinnen und Denker haben damit begonnen unsere Welt wieder zu drehen. In Soziologie, Philosophie und Theologie gibt es eine ganze Reihe von Menschen, die der Bedeutung von Beziehungen wieder einen höheren Stellenwert geben. Bei ihnen steht nicht mehr das Subjekt im Zentrum, sondern sie denken von den Beziehungen her.

Erst kürzlich fand ich in einem Buch einen sehr guten Zugang zur Bedeutung von Beziehungen. Wenn wir es wagen, die Person vom Ereignis ihrer Entstehung her zu sehen, stellen wir fest, dass es ohne Beziehung keine Person gäbe.
Eine Frau liebt einen Mann, dieser erwidert die Liebe der Frau und die beiden schlafen miteinander. Dabei verbindet sich ein Same des Mannes mit einer Eizelle der Frau, ein Mensch entsteht. Im Bauch der Frau wächst der Mensch heran. Die Eltern nehmen schon jetzt Kontakt mit ihrem Kind auf. Wenn der Säugling schließlich zur Welt kommt, ist er bereits in ein reiches Beziehungsgeflecht eingebunden. Wenn wir unser aller Geborensein in Erinnerung bewahren, dann relativiert sich schnell der Anspruch, dem autonomen Ideal entsprechen zu müssen und wir behalten unser Leben in Beziehungen im Blick.
In der Soziologie wird die Angewiesenheit des Menschen auf Sozialisation thematisiert. Niemand von uns ist direkt nach seiner Geburt in der Lage selbstständig zu leben. Wir sind darauf angewiesen, dass sich unsere Eltern um uns kümmern. Sie betreuen uns und helfen uns dabei in dieser Welt zu leben. Wir sind nicht wie Tiere mit richtungsweisenden Trieben ausgestattet, vielmehr sind wir auf Kultur angewiesen, die es uns ermöglicht, im Alltag zurecht zu kommen. Wir erlernen die Kultur von unserem Umfeld und sind Zeit unseres Lebens daran beteiligt unsere Kultur mit zu prägen.
Martin Buber hat davon gesprochen, dass in der Begegnung mit dem Du das Ich entsteht. Die Beziehung zu unseren Bezugspersonen, gerade die in unseren ersten Jahren, machen deutlich, was Buber gemeint hat. Wir lernen, uns selbst durch die Begegnung mit unseren Bezugspersonen wahr zu nehmen. Das eigene Ich eines Säuglings wird diesem in der Begegnung mit seiner Mutter bewusst. Er beginnt langsam zu verstehen, dass seine Mutter und er zwei unterschiedliche Personen sind. Über andere findet er zu sich selbst und wird immer mehr dazu fähig in Beziehungen zu leben.
Wenn wir von den Beziehungen her denken, beginnen wir, unsere Identität dynamisch und nicht statisch zu verstehen. Unsere Identität ist uns nicht biologisch als Wesenskern mitgegeben, sie entwickelt sich in den Beziehungen. Diese Entwicklung geschieht in unseren ersten Jahren am auffälligsten, endet dort jedoch nicht. Wir stehen unser gesamtes Leben im Austausch mit unserem Umfeld. Dieses prägt uns, und auch wir prägen unser Umfeld. Unsere Identität erreicht kein festes Stadium, in dem sie dann als abgeschlossen bezeichnet werden könnte, sondern verändert sich entsprechend unserer Geschichte weiter.
Gott von den Beziehungen her denken
Wie eben erwähnt, wird auch in der Theologie die Bedeutung der Beziehungen wiederentdeckt. Der Begriff »Dreieinigkeit« begegnet uns in diesem Zusammenhang wieder häufiger und weist auf die Beziehung von Vater, Sohn und Geist hin. Nachdem wir uns zunächst mit einigen Gedanken zu Beziehungen unter Menschen beschäftigt haben, wollen wir nun einen Blick auf die Beziehungen der Gottesgemeinschaft werfen. Wir betrachten dazu die drei Verben »handeln«, »lieben« und »tanzen« bezogen auf Gott.
Gott handelt
Wir erkennen Gott hauptsächlich durch sein Handeln. Das was wir über Gott aussagen, interpretieren wir im Nachklang des erlebten Handelns Gottes. Am Beispiel der Schöpfung ist meiner Ansicht nach sehr gut Gottes Handeln in Beziehung zu erkennen.
Die dreieinige Gottesgemeinschaft öffnet sich und lädt ihre Schöpfung in ihre Gemeinschaft ein. Vater, Sohn und Geist sind beteiligt. Bei der Schöpfung handelt es sich um einen weiten Lebensraum für die Geschöpfe, der eine Fülle von Möglichkeiten des Lebens bietet. Die Gottesgemeinschaft schafft auf Beziehung hin. Die Schöpfung geschieht in Gemeinschaft, die Geschöpfe sind in diese Gemeinschaft eingeladen und werden nicht als unabhängige Einzelwesen geschaffen. Ihre Fähigkeit, in Beziehungen zu leben, sowie die Beziehungsorientierung an sich, enden nicht an irgendeiner geschöpflichen Grenze, sondern ziehen sowohl die Beziehung zwischen Geschöpf und Gott, als auch unter den Geschöpfen mit ein. Schließlich ist die Einladung des Menschen in die Gottesgemeinschaft auch mit einer Einladung zur Partizipation verbunden. So wie alle Geschöpfe durch Fortpflanzung in den Schöpfungsprozess involviert sind, sind es auch die Menschen. Sie bekommen darüber hinaus eine Mitverantwortung gegenüber der Schöpfung zugesprochen und sind eingeladen, mit der Gottesgemeinschaft Verantwortung gegenüber der Schöpfung zu übernehmen und diese mit zu gestalten. In der Schöpfung sehen wir die Gottesgemeinschaft in hohem Maße beziehungsweise handeln.
Die drei Personen handeln gemeinsam. Wenn wir von diesem gemeinsamen Handeln der Gottesgemeinschaft ausgehen, fällt es schwer von einem Wesen Gottes oder gar einer göttlichen Substanz, zu sprechen. Wir reden jedoch auch nicht von drei autonomen Göttern und bilden mit unseren Gedanken zur Gottesgemeinschaft keine Analogie zum griechischen Götterhimmel. Wir interpretieren aus dem Handeln eine lebendige liebende Gemeinschaft. Sie handeln gemeinsam, kommunizieren miteinander und einigen sich. Und dennoch handelt es sich nicht um eine abgeschlossene Gemeinschaft, sondern um eine Gemeinschaft, die sich in der Schöpfung auf die Geschöpfe hin öffnet und diese in ihre liebende Gemeinschaft einlädt.
Gott liebt
In diesem Abschnitt betrachten wir die Aussage »Gott ist Liebe« ausgehend von 1.Johannes 3,16 aus einer relationalen Perspektive. Ich entscheide mich für diese Stelle, da hier eine Interpretation von Gottes Handeln vorliegt.
Die Gottesgemeinschaft liebt nicht mit einer romantischen Liebe, wie sie beispielsweise in Liebesliedern besungen wird. Es handelt sich dabei vielmehr um eine Liebe, die sich die Hände schmutzig macht. Nach 1.Johannes 3,16 erkennen wir die Liebe Gottes darin, dass Jesus als Mensch auf diese Welt kam und hier sein Leben für uns gab.
In Jesu Menschwerdung wendet sich die Gottesgemeinschaft ihrer Schöpfung zu. In einer bedingungslosen Hinwendung zur gesamten Schöpfung lädt sie uns zu sich ein. Jesus gibt sich in die menschliche Sphäre hinein und nimmt neben einigen Einschränkungen auch eine extreme Leidenserfahrung auf sich. Wir verstehen Gottes liebevolles Handeln am besten in seinem rettenden Heilshandeln.
Wenn wir dann weiterlesen, stellen wir fest, dass wir nicht nur über Gottes Liebe staunen dürfen, sondern dass wir eingeladen sind, unsere Hände schmutzig zu machen, an der rettenden und befreienden Liebe Gottes zu partizipieren.
In der erneuten Hinwendung der Gottesgemeinschaft auf ihre Schöpfung hin, sehen wir, dass die Dreieinigkeit nicht auf sich selbst beschränkt ist. Der Vater sendet den Sohn, dieser geht und lebt, im Einklang mit dem Vater durch den Geist, in dieser Welt. Jesus umarmt die Schöpfung. In Jesus wird die mögliche Beziehung der Geschöpfe mit der Gottesgemeinschaft sichtbar. Er lebt ihnen liebevoll zugewandt, befreit die Schöpfung und begründet somit die Hoffnung der Schöpfung auf eine bevorstehende vollkommene Gemeinschaft.
Gott tanzt
Bisher haben wir hauptsächlich über die Hinwendung der Gottesgemeinschaft zur Schöpfung gesprochen. Mit einem Bild aus der Ostkirche möchten wir abschließend noch einen Blick auf die Gottesgemeinschaft werfen.
Mit dem Begriff »Perichorese« wird in der Ostkirche die Gottesgemeinschaft angedeutet. Dieser Begriff kommt aus dem Bereich des Tanzes. Hier stand er vor allem für das einander Umtanzen. Die drei Personen Gottes leben in einer Gemeinschaft. Karl Barth nahm diesen Begriff ebenfalls auf und verstand ihn als Ausdruck des Einigwerdens der Gottesgemeinschaft. Perichorese deutet die liebevolle Zuwendung innerhalb der Gemeinschaft an. Sie kommunizieren miteinander, gehen aufeinander zu und einigen sich. Keine der drei Personen beharrt auf seiner Position, sondern öffnet sich auf den anderen hin. In diesem Tanz bleibt die jeweilige Besonderheit von Vater, Sohn und Geist gewahrt. Und trotz ihrer Besonderheiten lässt sich der Begriff »Gott« nicht auf eine der drei Personen begrenzen, sondern steht symbolisch für die Beziehung der drei Personen.
Die Gottesgemeinschaft tanzt. Dieser Tanz findet jedoch nicht in geschlossener Gesellschaft statt. Die gesamte Schöpfung ist eingeladen. Wir sind eingeladen. mit Gott zu kommunizieren, uns daran zu beteiligen was er tut und uns sowohl ihm als auch der Schöpfung liebevoll zuzuwenden.

Wir Menschen als Ebenbild Gottes
In diesem Artikel sind wir von den Beziehungen unter Menschen ausgegangen, da es sich hierbei um gewohntes Terrain handelt, und haben erst dann über die Möglichkeiten gesprochen, Gott von den Beziehungen her zu denken. Nun kehren wir noch einmal zu den Beziehungen unter Menschen zurück.
Wir Menschen sind im Ebenbild Gottes auf Beziehung hin geschaffen. Wir müssen daher nicht nach Unabhängigkeit streben und uns danach ausstrecken alles alleine geregelt zu bekommen. Wir dürfen uns der Tatsache, auf die Gottesgemeinschaft und unsere Mitmenschen angewiesen zu sein, bewusst bleiben und sind eingeladen in vielfältigen Beziehungen zu leben.
Wir sind auf Beziehung hin geschaffen. Niemand ist ohne Gegenüber komplett. Auf die Frage »Wer bin ich ohne dich?« haben wir bereits weiter oben mit »ohne dich bin ich nicht« geantwortet.
Die Auswirkungen dieser Gedanken möchte ich nun noch kurz auf unsere Nachfolge beziehen. Ein Leben in der Nachfolge verstehe ich als leben in der Gottesgemeinschaft mit anderen Menschen. Das führt mich dazu, bewusst in Beziehungen nachzufolgen, das Leben zu teilen und voneinander zu lernen. In manchen Gemeinden oder Gemeinschaften findet das statt, allerdings braucht man dazu nicht zwingend eine Gemeinde im klassischen Verständnis und auch keine regelmäßigen Gottesdienste.
Ich wünsche mir, dass wir auch die Schneekugel unserer Nachfolge wieder auf den Tisch stellen und uns gemeinsam in den Situationen des Alltags an unser Leben in der Gottesgemeinschaft erinnern und einander dabei helfen an den liebevollen Handlungen Gottes in und an seiner Schöpfung mitzuwirken.
Erstveröffentlichung: THE RACE, Nummer 36, 1/2010.




[...] Da die Herausgeber des Magazins so freundlich waren und die Veröffentlichung des Artikels auch online erlaubten, kann ich euch nicht nur das Foto da oben zeigen, sondern euch einladen den Artikel zu lesen: → Die Welt auf den Kopf stellen. [...]